Rezension: Die unendliche Geschichte

Die unendliche Geschichte war nun das erste Buch, das ich von Michael Ende gelesen habe, einige Jahre zu spät muss ich leider sagen, was aber nicht heißen soll, das es seine Wirkung auf mich verfehlt hätte.

 

Die unendliche Geschichte

 

Autor:        Michael Ende
Verlag:      Thienemann
Seiten:       480
ISBN:         3522176847

 

Um die Handlung nur kurz anzureißen, es beginnt mit dem Diebstahl eines Buches durch den Jungen Bastian Balthasar Bux, der Titel des Buches lautet: „Die unendliche Geschichte“. In dieser beginnt er, auf den Speicher seiner Schule geflüchtet, zu lesen. Er erfährt von dem Land Phantasien das von einem unheilvollen „Nichts“ verschlungen wird und der kindlichen Kaiserin, die einen neuen Namen braucht. Der junge Held Atréju wird von ihr beauftragt einen Weg der Rettung für sie und ihr Reich zu finden. Durch seine abenteuerliche Reise und die Antworten, die er dabei erlangt, beginnt Bastian nun zu ahnen, dass er selbst eingreifen muss um Phantasiens Untergang zu verhindern. Die schwersten Prüfungen zeigen sich ihm allerdings erst, als er in die fabelhafte Welt eingetaucht ist und durch seine Wünsche die Geschichte weiterspinnen muss.

Einer der Punkte, wofür ich Michael Ende bewundere ist die Leichtigkeit mit der er hier verschiedene thematische Ebenen ineinander verwoben hat, ohne im Tonfall die Grenzen einer Kindergeschichte zu übertreten. Ich benutze das Wort hier in keinem Sinne abwertend oder wie es oft verstanden wird, mit der Bedeutung: „Geschichte nur für Kinder“, das ist „Die unendliche Geschichte“ auf keinen Fall. Wenige Kinder wären in der Lage all die kleinen Botschaften zu verstehen, die es hier zu finden gibt, trotzdem sind sie mit guten Grund das Publikum, an das dieses Buch gerichtet wurde.

Zu den thematischen Ebenen die ich meinte, zählen unter anderem Bastians Beziehung mit seinem trauernden Vater, oder der Umgang mit dem eigenen Selbstbild, wenn es nur Wünsche braucht um alles verändern zu können (Ende macht es seiner Hauptfigur hier nicht so leicht, die Frage mit einem schlichten „Bleib dir selbst treu“ oder „Sei einfach so wie du bist“ abzuschließen). Die Schonungslosigkeit, mit der auch die Schwächen der Hauptfigur behandelt werden, habe ich zuvor selten in Kindergeschichten gefunden.

Generell ist „Die unendliche Geschichte“ meiner Ansicht nach ein sehr philosophisches Buch über das Gefährliche und Wunderbare in der menschlichen Fantasie. Teilweise springt einem die Symbolik aber auch förmlich ins Gesicht, wie im Beispiel der kindlichen Kaiserin. Die Mythologie, die das Buch um diese Figur herum strickt, verleitet den Leser schon dazu ihr in Gedanken andere Namen zuzuschreiben und sie eher als Personifizierung einer Kraft, statt als Charakter innerhalb der Geschichte zu sehen.

Die Charaktere an sich sind abgesehen von Bastian nicht wirklich vielschichtig, besonders in der zweiten Hälfte des Buches erfüllen sie häufig nur Funktionen, was allerdings durch die Handlung begründet ist. Auch die Welt Phantasien ist keine, die durch ihre bloße Schilderung lebendig wirken würde wie beispielweise Mittelerde. Viele Schauplätze werden, auch wenn sie von großer Bedeutung sind, nur mit wenigen kurzen Sätzen beschrieben. Michael Ende arbeitete hier oft mit alten mythischen Bildern, wie den Sphinxen am Felsentor, um nur eine der offensichtlichsten Anleihen zu nennen. Doch keines dieser beiden beide „Defizite“ spielt in meinen Augen eine große Rolle in der Bewertung des Leseerlebnisses. Die entscheidende Stärke des Buches liegt in der Entfaltung seiner Geschichten.

Die Erzählung mit Atréju beziehungsweise Bastian im Zentrum hat ebenso wie Phantasien keine äußeren Grenzen, sondern ist wie ein Netz mit vielen offenen Fäden und Geschichten: „über die ein anderes Mal erzählt werden soll“. Die fehlenden Verbindungen stören dabei nicht die Schlüssigkeit der erzählten Handlung, es sind überstehende Puzzlesteine, die Michael Ende den Lesern anbietet um Phantasien ein eigenes Bild hinzufügen zu können. Das Buch erhebt die Fantasie zu etwas Heiligem und ist darin auch zu Recht an die Gruppe mit dem vermeintlich intuitivsten Zugang zu diesem Heiligtum gerichtet.

 

Links:

Auf YouTube gibt es ein Interview von Michael Ende, geführt von Joachim Fuchsberger im Jahr 1990, hochgeladen vom User: curritmotrance. Darin geht es vor allem um Endes Werdegang als Autor, aber auch um die Entstehungsgeschichten von „Jim Knopf“ und „Die unendliche Geschichte“. Die Bildqualität ist nicht die beste, das betrifft allerdings hauptsächlich den Anfang des Videos (die erste Minute etwa) und stört danach nicht mehr.

 

Der Literaturpodcast „Spoiler Alert“ hat sich sehr ausführlich mit der unendlichen Geschichte befasst und diese Folge war für mich der Anlass das Buch zu lesen. Der Name ist allerdings Programm und man sollte darauf gefasst sein, dass darin die ganze Handlung des Buches besprochen wird. Aus meiner Sicht kann ich sagen, dass es dem Lesevergnügen nicht geschadet hat, aber das muss jeder selbst entscheiden.

http://spoileralert.bildungsangst.de/episodes/spa005-2-in-1-heldenreise-auf-fliegendem-pudel/

 

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